Viele Experten versuchen, mit abgehobener Fachsprache ihren Expertenstatus zu beweisen. Aber kommen sie damit ans Ziel?

 

Kennen Sie den Dunkel-Stil? Den Begriff habe ich gerade kennen gelernt und mochte ihn sofort. Denn er trifft - im wahrsten Sinne des Wortes - genau ins Schwarze. Auch wenn es ihn vielleicht gar nicht gibt.

 

 

Als ich mich kürzlich mit einem Mathematiker unterhielt, bezeichnete er den Schreibstil des mathematischen Genies Graßmann als "Dunkel-Stil": schwer zu verstehen, inhaltlich bleibe alles im Dunklen. Das hörte sich verwegen an. Mein Interesse war geweckt und ich bat Google um Hilfe.

 

Große Ideen - krause Worte

Den Begriff Dunkel-Stil fand ich zwar nicht, wohl aber die Lebensgeschichte von Graßmann (1809-1877). Ich mache es kurz: Heute gilt er als Universalgenie und Vater der Vektorrechnung. Doch zu Lebzeiten wollte so gut wie niemand sein mathematisches Werk lesen. Nicht einmal die anderen großen Mathematiker seiner Zeit. Graßmann hatte sein Buch alleine im stillen Kämmerlein verfasst, ohne Einhaltung der damals üblichen Begriffe und ohne Austausch mit anderen Gelehrten. Ein großer Fehler, den er erst viel später in einem Briefwechsel 1872 zugab: "Denn [es] arbeitet [...] sich viel schöner, wenn man nicht bloß das unbestimmte Phantom des gestaltlosen Publikums vor Augen hat; sondern dabei gleichsam in ein Auge schaut [...], was mit scharfem Blick jede Dummheit durchschaut [...]".

 

Warum schreibt man nebulös?

Graßmann war sicher ein Eigenbrötler, der nicht anders zu schreiben wusste. Aber was bringt heutzutage Experten dazu, ihre Botschaften hinter Fachwörtern und in komplizierten Schachtelsätzen zu verstecken? Mir fallen spontan mehrere Möglichkeiten ein:

1. Die Angst davor, sich Kritik auszusetzen.

2. Der Schreibstil eines Vorbilds wird kopiert.

3. Die Annahme, sonst nicht als Experte erkannt zu werden.

4. Das Thema ist zu komplex für einfache Worte.

5. Vielleicht fällt Ihnen noch mehr ein?

Für mich ist Graßman ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, klare Worte zu finden und die Sprache dem Zielpublikum anzupassen. Denn was nutzen die besten Ideen, wenn keiner sie versteht? Ob Wissenschaftler oder Unternehmer - wer zu Lebzeiten bekannt oder gar berühmt werden will, sollte das im Hinterkopf behalten.

 

Quelle des Zitats: Hermann Graßman 1872, zitiert nach Petsche et al. (Hrsg.) 2009: Hermann Graßmann - Roots and Traces. Basel: Birkhäuser Verlag, S. 168.